Der Beitrag ist veröffentlicht, die ersten Kommentare erscheinen und innerhalb weniger Stunden entsteht der Eindruck einer gesellschaftlichen Frontlinie. Tausende Nutzer teilen Videos, kommentieren, widersprechen, empören sich. Influencer greifen das Thema auf, alternative Medien verstärken es, anonyme Accounts treiben einzelne Narrative weiter. Ein Teil der Beiträge ist authentisch, ein Teil zugespitzt, manches nachweislich falsch. Andere Inhalte wiederum sind sachlich korrekt – werden aber aus ihrem Kontext gelöst und strategisch verstärkt.
Nach außen sieht das zunächst wie ein normaler demokratischer Diskurs aus. Doch genau darin liegt das Problem. Ein funktionierender Informationsangriff muss eine Gesellschaft nicht davon überzeugen, eine bestimmte Position zu übernehmen. Es kann bereits ausreichen, Unsicherheit zu erzeugen, vorhandene Konflikte zu verstärken und unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen so weit voneinander zu entfernen, dass ein gemeinsames Lageverständnis kaum noch möglich ist.
Entscheidend ist deshalb nicht allein, welche Information verbreitet wird. Entscheidend ist, wer sie verbreitet, mit welchen Methoden sie verstärkt wird, welche Wirkung sie entfalten soll und ob dahinter koordinierte Strukturen stehen.
Digitale Einflussnahme – ein komplexes Gesamtsystem
Der Auftrag klingt zunächst überschaubar: Eine Botschaft soll möglichst viele Menschen erreichen. Tatsächlich entsteht jedoch eine umfangreiche Wirkungskette. Ein emotionales Ereignis liefert den Ausgangspunkt. Ein Video, eine tatsächliche politische Fehlentscheidung, ein Gewaltereignis, eine kontroverse Aussage oder auch eine gezielte Falschinformation erzeugt Aufmerksamkeit.
Influencer und reichweitenstarke Accounts greifen das Thema auf. Andere Profile wiederholen dieselben Deutungsmuster. Bots und automatisierte Accounts können Reichweite simulieren oder verstärken. Kommentarnetzwerke erzeugen den Eindruck einer überwältigenden gesellschaftlichen Zustimmung oder Ablehnung.
Astroturfing kann dabei eine scheinbar organische Bewegung entstehen lassen. Brigading kann Kommentarbereiche und digitale Debattenräume dominieren. Selektiv veröffentlichte Dokumente, Bilder oder Videos können zusätzliche Glaubwürdigkeit erzeugen. Dafür müssen die verwendeten Informationen nicht einmal vollständig erfunden sein.
Auch die NATO weist darauf hin, dass Cognitive Warfare nicht zwingend auf „Fake News“ angewiesen ist. Authentisches Material kann selektiv veröffentlicht, emotional aufgeladen oder aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gelöst werden, um Konflikte zu verstärken. Ziel solcher Aktivitäten kann sein, Zweifel zu säen, widersprüchliche Narrative zu etablieren, gesellschaftliche Gruppen zu polarisieren und Entscheidungsprozesse zu beeinflussen.
Damit verändert sich die Betrachtung:
Die einzelne Nachricht ist noch keine Einflussoperation. Erst im Zusammenspiel von Inhalt, Reichweite, Wiederholung, Koordination, Zielgruppenansprache und strategischer Wirkung entsteht eine belastbare Einflussfähigkeit.

Wut, Angst und Empörung als Verstärker

Die erste strategische Zielrichtung ist die emotionale Eskalation. Wut, Angst und Empörung besitzen im digitalen Informationsraum einen entscheidenden Vorteil: Sie erzeugen Reaktion. Menschen kommentieren, teilen, widersprechen und verbreiten Inhalte weiter. Damit übernimmt die Gesellschaft selbst einen Teil der Distribution. Ein Akteur muss deshalb nicht Millionen Menschen unmittelbar erreichen. Es kann genügen, Inhalte in geeignete Resonanzräume einzuspeisen. Von dort werden sie durch reale Nutzer, politische Aktivisten, Influencer, Medien und Gegenreaktionen weitergetragen.
Die Wirkungskette kann lauten:
Ereignis → emotionale Interpretation → algorithmische Verstärkung → gesellschaftliche Reaktion → Gegenreaktion → weitere Eskalation.
Damit wird deutlich, warum kontroverse Themen besonders attraktiv sind. Migration, Krieg, Inflation, Energiepolitik, Pandemiepolitik, soziale Ungleichheit oder das Verhältnis zu NATO, EU, USA und Russland besitzen bereits gesellschaftliches Konfliktpotenzial. Der Angreifer muss diese Konflikte nicht erfinden. Er muss sie lediglich identifizieren, verstärken und miteinander verbinden.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt genau diese strategische Stoßrichtung bei russischen Desinformationsaktivitäten. Demnach sollen Unsicherheiten und bestehende Spaltungslinien in Deutschland erzeugt beziehungsweise vertieft und politische Entscheidungen beeinflusst werden.
Gesellschaftliche Fragmentierung – wenn gemeinsame Wirklichkeit verloren geht

Die zweite Zielrichtung geht weiter. Eine Demokratie benötigt keinen vollständigen gesellschaftlichen Konsens. Im Gegenteil: Widerspruch, Opposition und politische Kontroverse gehören zu ihrem Wesen. Sie benötigt jedoch ein Mindestmaß gemeinsamer Realität.
Wenn jede Information automatisch als Propaganda gilt, jede Institution als manipuliert betrachtet wird und jede Gegenposition als Beweis für die eigene Verschwörungsthese dient, verändert sich der politische Raum. Aus unterschiedlichen Meinungen entstehen unterschiedliche Wirklichkeiten. Genau hier kann Cognitive Warfare ansetzen.
Nicht unbedingt mit einer großen Lüge, sondern mit hundert kleinen Widersprüchen. Nicht mit einem Narrativ, sondern mit mehreren miteinander konkurrierenden Erklärungen. Nicht immer mit dem Ziel, eine bestimmte Wahrheit durchzusetzen, sondern möglicherweise mit dem Ziel, die Vorstellung aufzulösen, dass Wahrheit überhaupt noch zuverlässig festgestellt werden kann.
Die Folge ist eine zunehmende Wahrnehmungsdesorientierung: Was stimmt? Welcher Quelle kann man vertrauen? Sind Medien tatsächlich unabhängig? Manipuliert die Regierung? Ist die Wissenschaft politisiert? Ist die NATO ein Schutzbündnis oder ein Konflikttreiber? Je schwieriger solche Fragen für den Einzelnen überprüfbar werden, desto attraktiver werden einfache Erklärungen – und damit auch diejenigen Akteure, die vermeintlich klare Antworten auf komplexe Fragen anbieten.
Influencer als Multiplikatoren – aber nicht automatisch als Agenten

Hier entsteht eine besonders schwierige Grauzone. Pro-russische Influencer, NATO-kritische Accounts oder reichweitenstarke Akteure, die Deutschland, Bundesregierung, EU oder westliche Außenpolitik scharf kritisieren, können Narrative verbreiten, die gleichzeitig auch in russischen Einflussoperationen vorkommen.
Das allein macht sie jedoch weder zu russischen Agenten noch zu Teilnehmern einer staatlich gesteuerten Operation. Diese Unterscheidung ist entscheidend.
Auch bei Accounts wie der von Liza Graf wäre eine solche Zuschreibung nur dann fachlich vertretbar, wenn belastbare Belege für Steuerung, Finanzierung, Koordination oder eine andere relevante organisatorische Verbindung vorliegen. Eine pro-russische Haltung oder NATO-Kritik reicht dafür nicht.
Gleichzeitig bedeutet fehlende nachgewiesene Steuerung nicht, dass solche Akteure für Informationsoperationen bedeutungslos wären. Ein Influencer kann aus eigener politischer Überzeugung ein Narrativ verbreiten, das anschließend durch ausländische Netzwerke verstärkt wird. Ein authentischer Beitrag kann von Bots aufgegriffen werden. Eine tatsächliche Fehlentscheidung deutscher Politik kann von fremden Akteuren strategisch instrumentalisiert werden.
Damit entsteht eine entscheidende Besonderheit digitaler Einflussnahme: Nicht jeder Multiplikator muss wissen, dass er Teil einer größeren Wirkungskette geworden ist. Deutschland hat gleichzeitig konkrete Fälle dokumentiert, bei denen die Schwelle zur bloßen politischen Meinung deutlich überschritten wurde. Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschreibt beispielsweise die russische „Doppelgänger“-Kampagne, bei der Internetauftritte etablierter Medien nachgeahmt, scheinbar eigenständige Onlinemedien geschaffen und Inhalte zusätzlich über Bots verbreitet wurden.
Im Juli 2025 erklärte die Bundesregierung zudem nach einem nationalen Attribuierungsverfahren, die Medienplattform „red.“ werde von Russland gezielt zur Informationsmanipulation eingesetzt. Im Dezember 2025 ordnete die Bundesregierung außerdem die Kampagne „Storm-1516“ russischen Strukturen zu und erklärte, sie habe unter anderem versucht, auf die Bundestagswahl und innere Angelegenheiten Deutschlands einzuwirken. Hier geht es nicht mehr lediglich um eine unbequeme politische Meinung. Es geht um Struktur, Verschleierung, Koordination und strategische Wirkung.
Meinungsfreiheit oder Meinungsmache von außen?

Damit entsteht das eigentliche Dilemma einer freiheitlichen Gesellschaft. Artikel 5 des Grundgesetzes schützt ausdrücklich das Recht, Meinungen frei zu äußern und zu verbreiten. Dieser Schutz umfasst gerade auch Positionen, die unbequem, polemisch oder politisch unerwünscht sind. Wer die NATO ablehnt, darf dies sagen. Wer deutsche Außenpolitik für falsch hält, darf sie kritisieren. Wer Sanktionen gegen Russland ablehnt, Waffenlieferungen kritisiert oder westlichen Medien misstraut, bewegt sich dadurch nicht automatisch außerhalb des demokratischen Diskurses.
Das Bundesverfassungsgericht legt den Schutz der Meinungsfreiheit bewusst weit aus. Werturteile bleiben grundsätzlich geschützt, unabhängig davon, ob andere sie für richtig oder falsch, wertvoll oder wertlos, emotional oder rational halten. Bewusst oder erwiesen unwahre Tatsachenbehauptungen genießen dagegen nicht denselben Schutz.
Doch für hybride Bedrohungen reicht diese klassische Trennung allein nicht aus. Denn die strategische Frage lautet nicht nur: Was wird gesagt?
Sondern zusätzlich: Wer versucht mit welchen verdeckten Mitteln, Reichweite, Wahrnehmung und gesellschaftliche Reaktionen künstlich zu beeinflussen? Genau hier liegt die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und ausländischer Informationsmanipulation. Eine Meinung wird nicht deshalb illegitim, weil sie Russland nutzt. Kritik wird nicht deshalb zur Desinformation, weil sie Deutschland oder die NATO trifft.
Problematisch wird es dort, wo ausländische staatliche oder staatsnahe Akteure Identitäten, Herkunft oder Koordination verschleiern, künstliche Reichweite erzeugen, Medienauftritte imitieren, Bots einsetzen, falsche Tatsachen verbreiten oder verdeckte Kampagnen organisieren, um demokratische Willensbildung zu manipulieren.Nicht die politische Richtung einer Aussage sollte deshalb das entscheidende Kriterium sein.
Entscheidend sind Methode, Transparenz, Koordination und nachweisbare Manipulation.
Die offene Gesellschaft steht damit vor einem strategischen Dilemma

Eine Demokratie kann den Informationsraum nicht dadurch verteidigen, dass sie jede unerwünschte Meinung entfernt. Damit würde sie genau jene Freiheit beschädigen, die sie schützen will. Sie kann ihn aber ebenso wenig verteidigen, indem sie organisierte ausländische Einflussoperationen wie gewöhnliche politische Kommunikation behandelt.
Daraus ergibt sich ein funktionales Anforderungsprofil. Deutschland und Europa benötigen bessere Attribution ausländischer Einflussoperationen, technische Erkennung koordinierter Netzwerke, Transparenz über Finanzierung und Auftraggeber, konsequentes Vorgehen gegen Identitätstäuschung und illegale Inhalte, Medienkompetenz in der Bevölkerung sowie schnelle und glaubwürdige staatliche Kommunikation.
Plattformen müssen zudem stärker danach betrachtet werden, wie ihre Systeme Manipulation skalieren können. Der europäische Digital Services Act verpflichtet sehr große Plattformen bereits dazu, systemische Risiken zu bewerten und Gegenmaßnahmen zu treffen, darunter Risiken für Meinungsfreiheit, öffentliche Sicherheit und Wahlprozesse.
Entscheidend ist jedoch: Der Staat sollte nicht darüber entscheiden, welche politische Meinung die richtige ist. Er muss vielmehr die Integrität des demokratischen Informationsraums schützen.
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Eine wehrhafte Demokratie braucht klare Spielregeln
Der Satz „Das Allgemeinwohl steht vor dem Wohl des Einzelnen“ erscheint in diesem Zusammenhang zunächst attraktiv, greift für eine freiheitliche Verfassungsordnung jedoch zu kurz. Denn das Allgemeinwohl unserer Ordnung besteht gerade auch darin, die Grundrechte des Einzelnen zu schützen.
Eine widerstandsfähige Demokratie benötigt deshalb keinen Freibrief für staatliche Informationskontrolle. Sie benötigt klare, rechtsstaatlich überprüfbare Grenzen und gleichzeitig die Fähigkeit, organisierte Manipulation frühzeitig zu erkennen.
Eine Ordnung, die sich verteidigen will, darf dabei nicht naiv voraussetzen, dass ihre Gegner dieselben Regeln einhalten. Sie darf aber auch nicht die Regeln aufgeben, die sie von ihren Gegnern unterscheiden. Darin liegt die eigentliche strategische Herausforderung.
Die Antwort auf Cognitive Warfare kann nicht weniger Freiheit sein. Sie muss mehr Transparenz, bessere Attribution, höhere Medienkompetenz, widerstandsfähigere Institutionen und eine schnellere gesellschaftliche Fähigkeit zur Einordnung sein. Denn im digitalen Informationskrieg entscheidet nicht allein, wer die meisten Bots betreibt oder die größte Reichweite erzeugt.
Entscheidend ist, ob eine Gesellschaft auch unter Informationsüberlastung, emotionaler Eskalation und gezielter Manipulation noch zwischen Kritik und Täuschung, zwischen Meinung und Operation sowie zwischen politischem Streit und strategischer Einflussnahme unterscheiden kann. Im hybriden Konfliktfall zählt deshalb nicht nur, ob eine Demokratie ihre Informationsfreiheit bewahrt.
Entscheidend ist, ob sie diese Freiheit auch unter gezielter Mehrfachbelastung geschützt, glaubwürdig und dauerhaft aufrechterhalten kann. Denn: Emotionen schlagen Argumente, immer. In Gedenken an die Opfer des Brandanschlag auf das Cinema Rex am 19. August 1978

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